Römisch-Katholische Landeskirche des Kantons Aargau
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Martinskapelle, Boswil

Picknick für die Patres
Eine kleine Kirche mit spitzem Dachreiter erhebt sich im Westen Boswils an der Niesenbergstrasse. Vom Kloster Muri her begaben sich früher die Patres über verschiedene Stationen via Boswil und Badhof zum Jagdhaus im Unterniesenberg. Die Conventualen hielten auf ihrem Fussmarsch jeweils Einkehr in der Kapelle. Möglicherweise nicht nur für eine Andacht, sondern auch für ein Picknick.

Lange Vergangenheit
Wann genau die Martinskapelle erbaut wurde, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Die früheste Erwähnung geht auf das Jahr 1110 zurück, als die Kapelle vom Habsburgergrafen Otto II., einem Enkel des Klostergründers Radebot, dem Kloster Muri geschenkt wurde. Errichtet wurde das Kirchlein auf einem Platz, der vormals von Kelten und Römern benutzt worden war, wie Ausgrabungen im 20. Jahrhunderts offenbarten. Der ursprünglich geostete Bau existiert nicht mehr. Möglich, dass die Kapelle einem Feuer zum Opfer fiel oder im Zuge der Reformation Schaden nahm. Nach einem Umbau im Jahr 1567 folgte 1670 ein Neubau, wobei die Anlage nach Westen ausgerichtet wurde, um einen schnelleren Zugang vom Weg her zu gewährleisten. Im 18. Jahrhundert spendierte das Kloster Muri nebst einem spitz behelmten Türmchen eine neue Ausstattung: Das Kirchlein erhielt einen aus dem 17. Jahrhundert stammenden Altar des Zuger Bildhauers Johann Baptist Wickart. Um den Altar herum wurde als Fresko ein Baldachin gemalt, ferner ein Antependium beigesteuert, von dem man annimmt, es sei um 1764 von Caspar Wolf bemalt worden.

Beliebter Wallfahrtsort
Bis ins 18. Jahrhundert war die Martinskapelle ein beliebter Abstecher für Wallfahrer auf den Spuren jener Angelsachsen, die nach einem Überfall mit dem Kopf unter dem Arm noch bis zu jenem Platz gewankt sein sollen, an dem heute die Sarmenstorfer Wendelinskapelle steht. Eine Variante der Legende siedelt die Vorgeschichte in Boswil an. Dort sollen der Überlieferung zufolge die beiden Angelsachsen mit ihrem Diener im Gasthaus Sternen eingekehrt sein, bevor sie weiter in Richtung Sarmenstorf zogen. Der Diener, so heisst es, sei nach dem Überfall zurück in Richtung Boswil geflohen, wo er seine letzte Ruhe bei der Martinskapelle fand.

Mitbringsel aus Lourdes
Unmittelbar hinter dem Gitter, das den Chor vom Schiff trennt, finden sich zwei Besonderheiten. Rechts an der Wand eine kleine Reiterfigur, links am Boden eine Lourdes-Madonna. Die Reiterstatuette aus Holz zeigt den Kapellenpatron, wie er seinen Mantel teilt. Die Plastik aus bäuerlicher Kunst datiert aus dem 16. Jahrhundert. Die Lourdes-Madonna brachten die Vorfahren der Familie vom benachbarten Hof von einer Wallfahrt nach Hause. (acm)


Habsburg - Vom Saulus zum Paulus
Einstmals waren die Habsburger ein im Freiamt gefürchtetes und gehasstes Raubrittergeschlecht, das ortsansässige Bauern skrupellos von ihren Gütern vertrieb. Das änderte sich, als Radbot von Habsburg Anfangs des 11. Jahrhunderts Ita von Lothringen ehelichen wollte. Die Dame aus frommem Hause gab dem Werben erst nach, als Radbot versprach, das begangene Unrecht zu sühnen, auf welchem der Reichtum seines Geschlechts gründete. So kam es 1027 zur Stiftung des Klosters Muri. Die Habsburger fanden Gefallen am neuen Wohltäter-Image und bedachten die Benediktiner im Freiamt immer wieder grosszügig mit Spenden und Stiftungen. Auf diesem Wege entstand auch die Martinskapelle zu Boswil und gelangte in den Besitz des Klosters.
  


Spiritueller Impuls: Wiederholte Grosszügigkeit
Ritsch ratsch – und der Mantel ist halbiert. Berühmt, legendär, wie Martin, noch bevor er getauft ist, radikal teilt. Die Legenda aurea erzählt darüber hinaus eine weitere, weniger bekannte Kleider-Teilete. St. Martin, jetzt Bischof, kleidet einen Nackten mit einem Gewand aus der Sakristei. Seinen Archidiakon heisst er, einen Rock für einen Armen zu kaufen, der neulich kein Gewand mehr habe. Mit dem Armen meinte Martin sich selber - der Archidiakon aber vermutet einen «gewöhnlichen Armen», knausert und bringt nur ein kurzes, knappes, billiges Kleid. Darin liest St. Martin dann die Messe, und steht bildlich mit abgesägten Hosen da. Das Wunder, das folgt, interessiert hier weniger, als dass Martin es nicht bei dem einmaligen, wirkungsvoll sichtbaren Teilen beliess, sondern auch im Stillen, Diskreten seinem eigenen Vorbild nacheiferte. Auf die Gefahr hin, sich eine Blösse zu geben. Manchmal wird knauserig geteilt, aus Angst vor Missbrauch. Martin hingegen lehrt Grosszügigkeit. Und das wiederholt.

Thomas Markus Meier


 


Martinskapelle, Boswil



Standort
Boswil, Niesenbergstrasse

In Boswil beim Volg auf die Oberdorfstrasse abbiegen. nach etwa 100 Metern (bei der Salve Regina Wegkapelle) rechts der Niesenberg-strasse folgen.

Öffnungszeiten
Die Kapelle ist am Wochenende geöffnet, von Montag bis Freitag auf Anfrage.

Kontakt: Römisch-Katholisches Pfarramt Boswil-Kallern, Kirchweg 3, 5623 Boswil,

Tel. 056 666 12 67

 

 

 



Fotogalerie | 3 Fotos


Mit dem Neubau der Kapelle um 1670 änderte die Ausrichtung: War der Vorgängerbau gemäss kirchenarchitektonischer Tradition nach Osten ausgerichtet, orientierte sich der Neubau im 17. Jahrhundert am praktischen Bedürfnis nach einem raschen Zugang von der Strasse her.
Der Chorraum der Kapelle wird durch ein Gitter vom Schiff getrennt. Zur schlichten, aber dennoch edlen Atmosphäre tragen die 1963 erneuerte hölzerne Decke sowie die konservierten Bänke aus ganzen Balken bei.
Reiterstatuette des Heiligen Martin aus bäuerlicher Kunst des 16. Jahrhunderts.

 

 

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