Römisch-Katholische Landeskirche des Kantons Aargau
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Nothelferkapelle, Villmergen

Schädelstätte im Wandel
Eine Ahnung von dem, was sich haufenweise unter der Villmerger Nothelferkapelle befindet, vermittelt ein kleiner Erker rechts neben dem Chor. Dort ruht ein aus Beinknochen geflochtenes Kreuz, flankiert von zwei Schädeln ohne Unterkiefer. Es geht das Gerücht, es handle sich bei diesen Knochen und jenen Gebeinen, die sich im Grabschacht unter dem Chor türmen, um die sterblichen Überreste von Gefallenen aus dem Zweiten Villmergerkrieg von 1712. Das stimmt nicht, obschon naheliegend. Immerhin war das 1697 erbaute Kirchlein im Zweiten Villmergerkrieg beim Rückzug der sogenannt «reformierten Truppen» geplündert worden, nachdem diese bei Sins eine Niederlage erlitten hatten.

Wegen Friedhofserweiterung beinahe überflüssig geworden
Bei den unter der Kapelle befindlichen Knochen handelt es sich um «Material», das bei Grabauflösungen auf dem unmittelbar anrainenden Friedhof aus Pietätsgründen ins sogenannte «Beihüsli» transferiert wurde. Weil auf dem kleinen Villmerger Friedhof auch die Toten aus den umliegenden zur Pfarrei Villmergen gehörenden Gemeinden bestattet werden, platzte dieser immer wieder aus allen Nähten. Aus diesem Grund wurde eine Beinhauskapelle angelegt und zu Ehren des gekreuzigten Heilands und der Heiligen Joseph und Sebastian geweiht. Dank Friedhofserweiterungen, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Abriss der alten Kirche auf dem Hügel möglich wurden, entspannte sich die Situation. Das Beinhaus wurde überflüssig, die Kapelle fand eine neue Verwendung. Sie diente fortan dem stillen Gebet und erlaubt es den Kraft- und Trostsuchenden, sich mit ihren Anliegen an die 14 Nothelfer zu wenden. Entsprechend figuriert das Kirchlein seither unter dem Namen «Nothelferkapelle». Porträtbilder der 14 Nothelfer, die rechts und links des Ausgangs hängen, verdeutlichen diesen Bezug. Ein bis heute lebendig gehaltener Brauch erinnert jedoch noch immer an den urspünglichen Verwendungszweck: Bei einem Todesfall in Villmergen wird zuerst das Totenglöcklein der Kapelle geläutet, und zwar konfessionsübergreifend.

Deckengemälde bei Renovation entdeckt
Der Eingang in die Kapelle führt über ein von Säulen getragenes Eingangsportal mit Walmdach. Blickfang der schlicht eingerichteten Kapelle ist ein grosser, frühbarocker Kruzifixus über einem schlichten Altar. Auf diesem stehen die spätbarocken Statuen der Heiligen Stephan und Laurentius. Der Chorraum wird mit einem schmiedeeisernen Gitter vom Rest des Raumes getrennt. Lässt man den Blick durch den Raum schweifen, entdeckt man ein wunderschönes, hochbarockes Deckengemälde, das die Himmelfahrt Mariens zeigt. Dieses Gemälde wurde anlässlich der letzten Renovation 1965 wiederentdeckt. (acm)

Villmergen – Die grosse Muri-Pfarrei
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts thronte die Villmerger Kirchenanlage einer Feste gleich auf der Anhöhe oberhalb des Villmerger Dorfkerns. Pfarrkirche, Beinhauskapelle, Pfarrhaus und Friedhof standen eng beieinander, die beiden Gotteshäuser gemäss altem Brauch nach Osten ausgerichtet. Von den Hallwylern ging die Pfarrei Villmergen, zu der Hilfikon, Büttikon, Anglikon und zahlreiche Besitzungen im Umland gehörten, an das Kloster Muri über. Urkundlich bezeugt wird dies für das 12. Jahrhundert. Mit der Klosteraufhebung von 1841 übernahm der Staat die grosse Muri-Pfarrei, unterliess es jedoch, die baufällig gewordene Pfarrkirche in Schuss zu bringen. Nach zähen Verhandlungen mit dem Staat wurde diese abgebrochen und unterhalb der alten Anlage in neugotischem Stil neu errichtet. Die respektable Grösse der neuen, um 1863 erbauten Kirche zollt dem Umstand Rechnung, dass Villmergen noch immer eine der grössten Pfarreien im Kanton stellt. 1875 erhielt die Pfarrei vom Staat die ehemals klösterlichen Besitzungen der Pfarrei zu Eigen und wurde neu geordnet. Anstelle von Anglikon, das mittlerweile zu Wohlen gehört, kam Dintikon hinzu. 


Spiritueller Impuls: Nothelfer, treue Freunde mein
In ausweglosen Situationen haben unsere Vorfahren gerne auch die Heiligen um Hilfe angerufen. Es gibt Anzeichen, die darauf hindeuten, dass die Verehrung der Heiligen Vierzehn Nothelfer aus der Ostkirche stammen könnte, wo Heiligengruppen nichts Ausserordentliches sind 1. Auffallend ist jedenfalls, dass viele Nothelfer aus dem Orient stammen: St. Georg, St. Blasius, St. Erasmus, St. Pantaleon und die heiligen Frauen Katharina, Barbara und Margaretha; auch der Hl. Vitus wird wegen seiner Heimat Lukanien zu den Ostheiligen gezählt.  Im deutschen Sprachraum und darüber hinaus bis nach Südeuropa ist die Gruppe der Vierzehn Nothelfer weit bekannt. Der Legende nach sind dem Klosterschäfer Hermann Leicht von der Zisterzienserabtei Langheim - dem heutigen Klosterlangheim - in Oberfranken 1445 und 1446 am Vorabend des Hochfests von Sankt Peter und Paul (die Patrone der Pfarrkirche von Villmergen) vierzehn Gestalten erschienen, die sich als die Vierzehn Nothelfer zu erkennen gaben und die Errichtung einer Kapelle am Ort ihrer Erscheinung forderten, die vom Kloster schon bald errichtet und aufgrund der vielen Wallfahrer mehrfach vergrössert wurde. Als im Spätmittelalter die Pest – der Schwarze Tod - das gesellschaftliche Gefüge durcheinander brachte, erreichte die Verehrung der Vierzehn Nothelfer eine Hochblüte.

«Nothelfer, treue Freunde mein,
ich lad‘ zu meinem Tod euch ein:
schlägt einstens meine letzte Stund,
so suche ich euch in der Rund.
O lasst mich nicht vergebens flehn,
wollt helfend mir zur Seite stehn.»
Mittelalterliches Sterbegebet
 2

Paul Schuler, Pfr.adm.


1 Josef Zihlmann / Walter Sprüngli: in Villmerger Anzeiger, 25. Februar 1983
2 Rosel Termolen/ P. Dominik Lutz: Nothelfer, Patrone in allen Lebenslagen, Lindenberg (2006) 2, S.188


Nothelferkapelle, Villmergen



Standort
Villmergen, Kirchgasse

Ab Wohlen Bahnhof mit Bus in Richtung Villmergen bis Haltestelle Zentrum oder Oberdorf.

Die Kapelle befindet sich auf dem Hügel nördlich der Pfarrkirche (Wegweiser in Richtung Friedhof folgen).

Öffnungszeiten
Die Kapelle ist tagsüber geöffnet.
Kontakt: Pfarramt Villmergen, Tel. 056 622 16 79

www.pfarrei-villmergen.ch/geschichte-und-kultur/kapellen/

 

 

 



Fotogalerie | 4 Fotos


Unübersehbar ist der Bezug zum Tod, steht die Nothelferkapelle doch unmittelbar am Rande des Villmerger Friedhofs. Von den Alteingesessenen Villmergern wird das Kirchlein immer noch liebevoll «Beihüsli» genannt.
Die Rundbogenfenster der Kapelle zeigen die vierzehn Nothelfer mit ihren Attributen. Auf dem Altar stehen die Heiligen Laurentius und Stephan, rechts davor Josef, der Zimmermann.
Konfrontation mit dem Tod: Sorgfältig arrangierte Gebeine im Inneren des Kirchleins als «Memento mori».
Unübersehbar ist der Bezug zum Tod, steht die Nothelferkapelle doch unmittelbar am Rande des Villmerger Friedhofs. Von den Alteingesessenen Villmergern wird das Kirchlein immer noch liebevoll «Beihüsli» genannt.

 

 

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