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Kapellen-Knigge?

Ein Knigge ist ein Benimm-Leitfaden. Wie ich mich zu verhalten habe. Momentan ist jegliche Art Knigge grad eher wieder in, en vogue. In festen Rubriken, als Stilberatung, mit prominenten Knigge-Frauen und -männern, von der SBB-Pendlerzeitschrift «via» bis zum «Blick am Abend».

Dann gibt es wohlgemeinte «Knigge» punkto interreligiöse Begegnungen. Was gehört sich wo, wie benehm ich mich an welchem heiligen Ort. Für einen Kapellen-Knigge könnte sich das so anhören, wie es in touristischen Gebieten als Verbotstafel vor Kirchen montiert ist: «Bitte nicht in Shorts betreten!» und ähnlich. Oder religionsspezifischer: Während in der Synagoge der Mann einen Hut trägt, zieht er ihn eben in einer Kirche oder Kapelle aus. Gilt analog auch fürs Baseball-Käppi.

Aber braucht es so einen Knigge? Die Bibel erzählt von der kinderlosen Hanna, die sich beim Heiligtum von Silo nicht «knigge-gemäss» verhielt, und promt vom Priester Eli zurechtgewiesen wurde. Hanna jedoch liess eben ihr Herz sprechen, und ihren Mund murmeln.

Kann sein, dass jemand in einer Kapelle kniet, die andere hin und her geht, jemand dritter halblaut betet. Kommt ja schliesslich auch drauf an, ob grad eine Andacht ist, oder ob ich wie in der Stube eines guten Freundes bin, und eh grad niemand anderer da ist.  

Das Wort Kapelle kommt ursprünglich von der Sainte Chapelle, dem Heiligen Mantel. Gemeint, der Mantel, den der heilige Martin geteilt hatte. Eine Hälfte wurde schliesslich in einem speziellen Gebäude ausgestellt, einem architektonischen Schatzkästlein, das dann denselben Namen bekam: Die Sainte Chapelle in Paris. Eine Kapelle wäre also eine Art steingewordener Schrank für die Mantelhälfte des heiligen Martin...

Lesen wir die Kapelle so, dann ist eine Kapelle eine Wohnung für Halbes, Fragmentarisches, Unfertiges. Ein Ort, wo wir hindürfen, auch wenn wir nicht ganz sind, sondern bedürftig, uns etwas fehlt. Lesen wir die Kapelle so, dann ist sie ein Ort für Geteiltes. Wo wir uns ans Schenken erinnern, und vielleicht auch selber beschenkt werden. Lesen wir die Kapelle so, kommt es auf keinen Knigge an, nicht auf ein korrektes Tenue – sondern es geht dann und wann sogar ums Gegenteil. Wie bei St. Martin, der seinen Mantel halbierte: Nicht Knigge-konform, aber evangeliums-gemäss.

Thomas Markus Meier

 

 

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